tranströmer und gustafsson

 

der endlose sommer war begleitet von zwei schwedischen autoren – tomas tranströmer und lars gustafsson. zwei, die sich kannten. einer generation entstammend. beide wohnten zu verschiedenen zeiten in einer kleinen stadt namens västeras, die ungefähr 100km von stockholm entfernt liegt.

tranströmers werk passt in zwei schmale bände. in dem einen findet sich die gesamtausgabe seiner gedichte. der andere band beherbergt knappe unaufgeregte, autobiographische skizzen.

jeweils ein porträt des schriftstellers ist auf den bucheinbänden abgebildet. einmal ein jugendfoto, auf dem ein introvertierter junger mann zu sehen ist, der sich an die wand des zimmers lehnt. vermutlich sitzend. sein blick ist gesenkt. auf dem zweiten bild, das tranströmer mit ungefähr 60 jahren zeigt, lehnt er sich wieder an eine wand, stützt sich etwas ungelenk auf einen fenstersims. eine etwas scheue offenheit liegt in dem blick, der auf den fotografen gerichtet ist.

tranströmer, dessen habitus verhalten wirkt, sein nach innen gerichteter blick ist keine abgrenzung, hat eine sensorik, die auf kleine, unhörbare impulse im innen und außen reagiert. seine adern gehen weiter als bis an das ende der gliedmaßen. gewissermaßen gereinigt von der sich aufdrängenden aktuellen realität bleiben seine gedichte über der zeit hängen. wortanker, die bei einem eigenen fluchtversuch helfen können.

lars gustafsson ist konvertit aus innerer neigung und intellektuellem interesse. er wechselt landschaft, farbe, tempo und temperatur seines dichtens und erzählens, wie er als person land und religion, kinder und frau wechselt. er möchte mehrere, er möchte auch ein anderer sein können. er lässt eine seiner figuren, die malerin g. in „sigismund“ in einem handel mit dem teufel, um folgendes bitten: „- ich möchte so gern, …, wenigstens für vierundzwanzig stunden meines lebens ein anderer mensch sein.“ warum? „weil ich glaube, daß ich auf diese weise mehr über die geschichte und über mein eigenes leben lernen könnte als durch irgend etwas anderes.“

gustafsson ist in diesem „ich bin viele“ paul valéry verwandt, der jedoch in seinem schreiben hermetischer und schweigsamer ist.

gustafsson schreibt viel, er wechselt unabhängig und frei stilmittel und erzählweise. er fabuliert, er erlaubt sich aussetzer und große sprünge. er hat seinen spaß.

 

september 2018

gert neumann

 

er öffnete die tür und begrüßte mich mit  „monsieur“, da hatte er eine leichtigkeit, die ich nicht erwartet hatte nach dem flüchtigen eindruck seiner person bei anderem anlass.

dann ging er den flur hindurch und wies auf die sessel, das wirkte wieder schwer, langsam, auch hinfällig.

im reden gebrauchte er oft das wort „konzentration“. nun kam er mir vor wie ein stein. bearbeitet, ein kern, den er aus sich selbst gehauen hatte.

das profil hatte mehr stärke, als wenn er mir frontal ins gesicht sah.

er schied genau zwischen realität und wirklichkeit. mit beharrlichkeit verweigert er den zutritt von erscheinungen.

er sucht sich freunde in büchern und schreibt briefstücke, deren empfänger er ist.

er weiß, dass die worte ihm etwas erzählen, nicht er mit den worten. und dass ein gespräch immer zwei gespräche sind, eins nur im jeweils anderen.

so führten wir durch die worte zwei gespräche, die sich über den zeichnungen und texten, die auf dem tisch lagen, trafen.

 

juli 2017

armando

vielleicht bildet die lastende statik der massen, die keinen aufbruch oder abbruch, die keine bewegung in den raum andeutet, sondern stilles, schweres, verschlossenes gegenüber bleibt, den eigentlichen kern dieser arbeiten. vielleicht auch nicht.

juli 2017

besuch bei morgner

 

ein haus auf dem berg, eingeduckt in rhododendronbüsche und hohe bäume.

ein schwarzer tuscheboden, pappe und das farbige grau einer ausgewaschenen pinselspur.

in körben befinden sich schmutzige kugeln in der farbe von stadtwinterschnee aus den resten des papiers. sie bilden einen vorrat altertümlicher munition.

schwarzwasser läuft in der mitte in einen abfluss.

aus dem verbrauch vom abraum und der stückung und dem verschnitt der vergangenen wege aus vier jahrzehnten entstehen schmale relieftafeln mit umriss und gegenform.

das graben in die dunkelheit und das zuschütten des lichtes schaffen einen grund, aus dem figuren auftauchen, in den zeichen eingesenkt werden.

der wechsel von graben und zuschütten bleibt eine handlung im vergehen der zeit, ist nacht- und tagewerk.

 

august 2017

zu ulrich zieger „durchzug eines regenbandes“

nun habe ich ziegers letzten romangruß gelesen, dessen teile, wie drei kunstvolle kettenglieder nebeneinanderliegen, da sich ihre unterschiedliche größe und beschaffenheit nicht zum verbund fügen wollen.

es ist ein weltbild im kleinen winkel, ausgestattet mit ulrich ziegers tiefer kenntnis vom nachbar und übermieter, vom unbewussten untermieter, von frau und kind, mit seiner verkettung von möglichkeiten und unmöglichkeiten, mit der skalpierung des zeitgeistes, mit dem fahnenschwingen, dem taschentuchschwingen, dem verrat, dem langsamen verfall,  der endzeit, der tristesse ohne hintertür, dem besäufnis und chapeau.

was vielleicht für die heute zweijährigen leser ein problem werden könnte, ist die sättigung mit bruchstücken von schlager und die reihung von namen von heroen einer hitparade, die den grabstein schon vor den lautsprecher gesetzt bekam. wird man ihnen nicht vorsingen müssen, dass marmor, stein und eisen bricht.

es ist eine mäandernde ungebremste sprechlust, ein auf- und absteigen in ungekannten terrain, halluzinationen, tagträume, seltsame wendungen, urknall und seine entladung, brechung und schieflage und der durchzug eines regenbandes.

danke ulrich zieger.

april 2016

michael kutzner

 

der künstler michael kutzner malt aus einer problemlage heraus, die kein gefallen sucht. neben dem motiv ist es vor allem die art des malens, die farbe und leinwand so zurichtet, dass die luft zum atmen dünner wird. die eigene rücksichtslosigkeit gegenüber seinen pappen und anderen bildträgern erzählt wohl nicht nur von einer verschärften vergänglichkeitsperspektive, sondern auch von verweigerung gegenüber der marktmechanik. neben der malerei gab und gibt es eine stete auseinandersetzung mit der zeichnung, die die anlässe und motive seiner bilder vorbereitet oder spielerisch umformt. kutzners ganz eigener blick auf den stadtraum lebt von der melancholie und einsamkeit heutiger urbanität.

november 2016

der zeichner john

der zeichner joachim john, der inzwischen mit dem blick von alter und zeit von der mecklenburger landschaft über die welt mit ihren politischen kratern, den historischen vernarbungen von schuld und den abgründen menschlicher gewalt schaut, fand in den letzten jahren zu neuen lösungen in seinen zeichnerischen blättern. losgelöst von den gravitationskräften schweben seine bilderfindungen und figuren in einem raum, der nur der zeichnung gehört.  die arbeiten leben von variation, von wiederholung und motivverkettungen, die eine zeitliche und räumliche abwicklung von gedanken andeuten und die den betrachter durch das bild führen.

november 2016

beim lesen von hermann broch

wer ist dieser schriftsteller, dieser überintellektuelle, in der mathematik ebenso zu haus wie in der psychologie, philosophie und literatur? eine art universalgelehrter im zwanzigsten jahrhundert mit übergreifender, auf das humanistische zielender verantwortungsübernahme? erkennen und handeln.

er breitet in seinem „tod des vergil“ einen merkwürdigen klangteppich aus. die niedergeschriebenen endlosschleifen des sterbenden schriftstellers sind die endlosschleifen im denken und sprechen des menschen broch, aufgeladen mit einem hohen, weihevollen ton. der versuch die eigene endliche existenz mit dem unendlichen zu verkoppeln. nur schwierig kann man dem im wortsinn und wortinhalt folgen, man kann sich nur fallen, treiben lassen durch diese anrufungen, beschwörungen, erweiterungen, verengungen, in ein leises nach innen gerichtetes sprechen, in diesen seltsamen sog von bedeutsamkeiten.

man spürt das nachlassen der eigenen willenskraft, vielleicht wie bei einem langen ritualisierten gebet, das man mit anhört, aber nicht selber spricht. oder spricht man nach einer weile auch selbst?

auf der anderen seite gibt es aber auch das gefühl der sättigung, ein widerstreben. es ist zu viel, es ist mir zu viel.

auch broch reicht es manchmal, abrupt bricht er sein erhabenheitspathos. plötzlich setzt er einen dialog der straße dazwischen. figuren der gosse, stark und primitiv, mit dem gestank von schweiß und geilheit. dialoge und kurze szenen, in denen spannung stockt und arbeitet, in denen sich druck entlädt, in denen sich die langen, kompliziert gebauten sätze auflösen zu kurzen gerufenen sprachbrücken, zu einem sprachbellen zwischen den personen.

in der alten ausgabe des buches fand sich ein zeitungsartikel, hineingetan vom vorbesitzer, mit der überschrift „hermann broch und seine redlichkeit“. ein artikel aus dem jahre 1961 von friedrich torberg.

dort heißt es, den schriftsteller selbst zitierend, sein leben stand unter dem stern und unstern der grenzenlosen hingabe an „die letzte anstrengung des traums, der sich selbst erweckt und seine grenze erkennt“. und weiter schreibt friedrich torberg: „broch seinerseits betrieb die suche nach einem haltbaren wertsystem in einer vom wertezerfall geschüttelten welt mit schmerzhafter direktheit. er betrieb sie vom ausgangspunkt freud wie vom ausgangspunkt einstein her, er betrieb sie mit den mitteln der erkenntnistheorie wie mit denen der logistik, es war ihm nichts zuviel und alles zu wenig.“.

zu broch kam ich über elias canetti, der ihn in seiner dreiteiligen autobiographie als frühen, äußerst wichtigen gesprächspartner im wien des beginnenden zwanzigsten jahrhunderts erwähnt. ein gesprächspartner, der damals in einem atemzug mit james joyce und robert musil genannt wird.  in der öffentlichen wirkung hat canetti broch nun links überholt, von joyce und musil in ihrer gesteigerten wahrnehmung als jahrhundertfiguren gar nicht zu reden.

vertrieben durch den nationalsozialismus, mittellos, aber voller arbeitsvorhaben verbrachte hermann broch die letzten lebensjahre in amerika. „ein dichter wider willen“, wie ihn hannah arendt nennt, wollte er sich nun ganz wissenschaftlichen untersuchungen in der psychologie und mathematik widmen. äußere anlässe lassen ihn dann doch den roman  „tod des vergil“, einen erzählband und den hofmannsthal-essay beenden.

der essay „hofmannsthal und seine zeit“ ist eine immens umfassende analyse der zeitumstände vor und nach der jahrhundertwende 1900 mit dem fokus auf österreich und seine hauptstadt. eine zeit, die broch als eine zeit  des wertevakuums charakterisiert. aber vor allen dingen eine analyse von dichtung, der dichtung und der person hofmannsthals, seine bindung an diese zeit und seine loslösung von ihr. broch findet für die dezenz und die zurücknahme in der offenbarung von persönlichen im werk von hofmannsthal das schöne wort von der ich-verschwiegenheit.

ich-verschwiegenheit, wahrscheinlich gibt es dies im werk von hermann broch ebenso. und vielleicht war es sogar einer der gründe, die literatur an den nagel hängen zu wollen. den exhibitionismus unserer tage, kunstmarkt und lárt pour lárt hätte er verabscheut.

„und er wußte auch, daß das nämliche für die kunst zu gelten hat, daß sie desgleichen nur so weit besteht – oh, besteht sie noch, darf sie noch bestehen? – so weit sie eid und erkenntnis enthält, so weit sie menschenschicksal ist und seinsbewältigung, soweit sie sich am unbewältigten erneuert, …“

 

januar 2014

stottern und schreien (zu einar schleef)

immer laufen und stolpern. dann singen und rufen. immer schreiben und hören. dann weinen und schweigen. immer hocken und festhalten. dann frieren und zittern. immer brechen und schlagen. dann lieben und verlassen. immer kindermachen und sterben. dann stottern und schreien. immer stehen und tanzen. dann schwärzen und weißen. immer holen und tragen. dann trinken und kauen. immer leeren und kratzen. dann graben und werfen. immer fangen und rudern. dann fliehen und sammeln. immer waschen und trocknen. dann fallen und stürzen. immer reißen und falten. dann malen und schwimmen. immer brennen und zudecken. dann öffnen und schließen. immer fortgehen und winken. dann immer. immer dann. immer immer.

januar 2013

peter weiss

 

peter weiss, so dachte ich manchmal, hat sich verloren in den grabenkämpfen des zwanzigsten jahrhunderts und in der sprache des kalten krieges. aufgerieben zwischen den eigenen und fremden ansprüchen war er ein heimatloser, ein wanderer in den eigenen und in den von der politik und kapital zugerichteten welten.

daraus mußte ein bruch entstehen mit scharfem grat, der die haut aufreißt, wenn man an ihm entlang fährt. diese risse hat peter weiss zu seinem späten thema gemacht, immer in der hoffnung, dass eine gerechtere welt möglich ist.

peter weiss hat sich nicht verloren, sondern sich gesucht, erfunden und wiedergefunden in seinen figuren des marat oder hölderlin. der ewige emigrant blieb zeitlebens auf der suche nach identifikation und identität. („was ist unsere beziehung zur kunst, musik, literatur, anderes als das arsenal, das wir in uns haben, oder ein reservoir von dingen, aus denen wir ständig unsere erfahrungen aktualisieren können? und zwar aus allen zeitaltern; das ist ja das großartige der kunst." peter weiss)

erst in der lebensmitte öffentlich wahrgenommen, sah er sich unter zeitdruck.

wichtig sind mir die notizbücher, in denen er zwischen der erzählung von nächtlichem traum und tagesrealität wechselt.

das letzte lebensjahrzehnt arbeitete er ununterbrochen an seiner „ästhetik des widerstandes“.

peter weiss starb am 10. mai 1982.

 

april 2011

wenige sätze zu hans fallada

 

fallada ist der ernstfall. ein leben, das nicht zu überleben war. ein leben, das man nicht gelebt haben möchte.

die sehnsucht nach bürgerlichkeit konterkariert vom inneren chaos, von der sucht und der geilheit.

seine romane sind alle übervoll gesättigt durch die eigene biographie.

psychiatrie, knast, verbannung auf dem lande, eine leiche im keller, veruntreutes geld, weiber und suff. es scheint, ihm ist nichts mehr fremd. lebenserfahrungen, ziehbrunnentief, aus denen er zu tage fördert.

intuitiv reagiert er, und registriert dabei sehr genau auch die politischen veränderungen. reflektion durch teilnahme. im kleinen sucht er die großen zusammenhänge und findet sie.

er hat humor, sprachwitz und eine innere zuneigung zu den menschen.

er ist unmodern. er ist lebendig.

 

september 2011

© christian ulrich. 2019