frau geht nicht

 

eine frau, die so ging, als wenn sich ihr gewicht schon langsam auflöste.

eine frau, die zwar rasche schnelle schritte machte, aber gleichzeitig nicht vom fleck zu kommen schien.

eine frau, die auf dem parkweg ging, als wäre dieser ein laufband, auf dem man nicht fortkommt.

eine frau, die ging, als würde sie den boden nicht berühren wollen, als läge keine kraft in keinem schritt, ein schmaler wunsch vorwärtszugehen ohne erfüllung.

so rutschten an der frau die bäume und menschen vorbei, während sie gehend still stand.

 

märz 2018

bildbeschreibung

 

drei hände, ein tisch, fünf tassen, acht stücken kuchen, drei brillen, zwei kinder, ein dritter vorn übergebeugter mensch, drei kannen, drei teller, vier servietten, eine strickjacke, ein pullunder, ein kariertes hemd, ein t-shirt, keine uhr, keine lampe, nur licht von oben.

zwei kinder sitzen an einem tisch. es wird nicht gesprochen. auf einem foto kann nicht gesprochen werden. das foto war mit der post gesendet worden.

da ist links die person, die die tassen rückt. dazu ein überbeugen ganz ohne rumpf, nur die arme, die etwas rücken, etwas gerade rücken, platz schaffen auf dem tisch zwischen den gegenständen. auch das kind in der mitte rückt etwas, rückt etwas mit dem zeigefinger.

ich sitze rechts, war das kind, das den mund leicht geöffnet hat. ich muss mich, wenn ich das foto betrachte, für mich halten. ich war zur zeit der aufnahme des fotos an diesem tisch anwesend, sitzend neben dem anderen kind, das an dem vor mir stehenden teller etwas gerade rückt. ich kann mich daran nicht erinnern.

ich kann mich erinnern, jünger gewesen zu sein. obwohl ich mich ungern erinnere, ungern in die vergangenheit schaue, selten und ungern alte fotos, wie dieses ansehe. es ist, als wollte ich die vergangenheit nicht. die vergangenheit hängt mir wie ein klotz am bein. man gewöhnt sich an das gewicht, aber wenn man runterblickt, kommt man ins stolpern.

ich erinnere mich, sehe ich auf diesem foto meinen kopf, dass mein vater mir immer die haare schnitt. in der küche, da dort kein teppich lag. ich kann mich erinnern, in welchem laden wir die brille kauften, die ich auf dem foto trage. es war ein augenoptiker in einer der sternförmig zum hasselbachplatz führenden straßen. die brillen lagen in hölzernen auslagen. zwei brillengestelle kamen für meine altersgruppe in frage. mir gefielen sie beide nicht. mein vater kaufte das aus plastik, eine art hornimitation. wie auf dem foto zu sehen ist, trug mein freund das gleiche gestell.

unweit des hasselbachplatzes befand sich auch die wohnung der familie des freundes, in der dieses foto aufgenommen wurde. eine große altbauwohnung in einem fünfstöckigen haus, das an einer breiten straße stand, von deren einstiger großbürgerlichkeit durch krieg und verfall nur noch eine ahnung übriggeblieben war. die wohnung besaß zwei eingänge. einen vordereingang, zu dem man über den ersten treppenabsatz des hauses gelangte und einen hintereingang, den man über den hof und den seitenflügel erreichen konnte. diese zugänge konnten verschiedener nicht sein.  der vordereingang öffnete die wohnung in einen kurzen flur, in den meist durch die geöffnete tür eines arbeitszimmers licht fiel. der hintereingang führte in einen langen gang, der zu jeder jahreszeit dunkel und kalt war. eine einzelne glühbirne warf ein schwaches licht, dessen radius aber nicht bis zum ende des flures reichte, so dass dieser nur umso mehr in schwärze versackte. linkerhand lag die ehemalige waschküche. ein, in meiner erinnerung,  geräumiger, zum teil gefliester raum mit einem großen ausguss. dieser raum, umfunktioniert zum labor für fotografische arbeiten, war verdunkelt.

das foto, das mir mit der post zugesendet worden ist, entstand während der feier eines geburtstages des freundes, der neben mir auf dem foto sitzt und mit der hand etwas rückt, meine serviette gerade rückt, die vielleicht etwas schief lag. es wurde aufgenommen von dem vater des freundes. dieser mann, ein mathematiker, verdiente sein geld als heizer in einer diakonischen einrichtung und fotografierte. im arbeitszimmer hingen fotos von ihm. schwarz-weiße abzüge von nackten männern und frauen, die zum größten teil bekannte der familie waren.

auf dem foto sind drei personen zu sehen, mein freund, seine mutter und ich. es waren weitere kinder zu besuch. sie aßen auch von dem kuchen und tranken aus den tassen tee. ich blicke zu ihnen hinüber auf die andere seite des tisches. mein freund schaut auf meinen teller und rückt dort etwas mit dem zeigefinger. die mutter des freundes sieht nach unten, beugt sich über, kommt ganz von oben in das bild, ein überbeugen ganz ohne rumpf, nur die arme, die etwas rücken, etwas gerade rücken, platz schaffen auf dem tisch zwischen den gegenständen.

die mutter meines freundes war lehrerin, arbeitete aber in einem büro der kirchlichen verwaltung, das direkt gegenüber der wohnung auf der anderen straßenseite lag. sie veranstaltete regelmäßig ausstellungen von malern und fotografen, in einem auf dem gleichen treppenabsatz vis-a-vis zur wohnung gelegenen raum.

der tisch, an dem wir saßen, stand in der küche, die den mittelpunkt der wohnung bildete. rechts ging das kinderzimmer ab, das noch eine zweite tür besaß, die auf den flur des vordereingangs führte. das kinderzimmer war, da sein fenster zum hinterhof lag, dunkel. ich erinnere mich, dass oft elektrisches licht brannte. mit der küche, durch eine meist offenstehende große schiebetür verbunden, war ein weiterer raum, in dem sich der schreibtisch der mutter, ein bett für zwei personen und regale mit büchern befanden. links von der küche kam man in den langen gang, der zum hinterausgang, den früheren dienstboteneingang wies.

ich erinnere mich, dass, wenn ich den freund zum spielen abholte, wir entweder rechts die straße runter zum fürstenwall gingen, einem kleinen park um eine anhöhe, auf der sich ein kriegerdenkmal befand. oft gingen wir jedoch links bis zur nächsten straßenkreuzung und dann noch mal links und befanden uns nun auf einer straße, die zum schleinufer führte. das schleinufer war eine schnellstraße, auf deren einen seite sich noch mietshäuser befanden und deren anderer straßenrand von kleinstöckigen, abbruchreifen gewerbegebäuden und schuppen gesäumt war. alles war durch den dreck der autos stumpfstaubig  graubraun gefärbt, nur vereinzelte verbotsschilder hatten einen rest von farbe behalten. wir zogen vorbei und sind oft zur elbe weiter, die ihre eigene farbe hatte. diese farbe stand in einem starken kontrast zu der schmutzigen straße, die trotz der hast der autos, erloschen schien.

ich kann mich an diese feier des geburtstages meines freundes nicht erinnern. irgendwann werde ich nach hause gegangen sein. ich wohnte etwas weiter weg  zwischen drei brücken auf einer halbinsel, die zwischen den alten armen der elbe lag.

sollte mein vater am fenster gestanden haben, hat er mich über die brücken nach hause kommen sehen.

 

januar 2018

beim hl. antonius zu padua in prag

 

hoch oben hängt ein naives, festes bild, das den hl. antonius als kniestück vor dunklem grund zeigt. der mönch trägt eine rostbraune kutte, die mit einem schweren strick gegürtet ist. die rechte hand hält eine lilie, die linke ein rotes buch, auf dem ein schweres, rosafarbenes christuskind mit verdrehten armen hockt, wie auf einem pisspott. das kind ist blond, ein unechtes gelbes blond, als würde es eine fastnachtsperücke tragen. es schaut herab in einen speisesaalgroßen raum mit vier hohen bogenfenstern und zeigt den sitzengebliebenen und neuankömmlingen den finger, ein obszöner segensgestus, der zur ruhigen mittagszeit nicht ohne wildheit ist.

hier sitzen in der ersten reihe vor dem fenster an drei tischen von insgesamt neun im raum, die männer, die schon eine weile da sind und noch bleiben wollen. 

der hl. antonius gilt als patron derjenigen, die etwas verloren haben, die etwas wiederfinden wollen und etwas suchen. ein beistand, den wir alle brauchen, auch hier im raum haben alle not sich an ihn zu wenden. jeder spricht ein stilles gebet, dass kann man in den augen lesen.

rechts in der ecke, der mann kommt jeden tag. der tisch ist reserviert für ihn. er weiß, wo er hingehört. er hat etwas verloren, aber er sucht nach anderem. der körper, nach links zum fenster geneigt, verfällt in unregelmäßigen abständen in eine erstarrung. nach minutenlanger absoluter regungslosigkeit gibt es dann eine kleine kopfbewegung. der mann beobachtet sein bier. er spricht zum hl. antonius: „ich, der ich jeden tag vor deinen augen ruhe suche, finde nur müdigkeit. ich, der ich vor deinen augen die leere suche, finde nur das vakuum trüber ideen. reich mir deine hand, auch ich möchte auf dem buch sitzen dürfen und getragen werden. nicht mehr selbst möchte ich gehen. andere, du, sollen machen, dass ich gehe, dass ich weggehe und nicht mehr gehen muss.“

links außen sitzen zwei bauarbeitertypen nebeneinander, gulaschesser und biertrinker. sie haben entweder eine lange mittagspause oder schon schichtende. rauchen verboten - das schild direkt unter dem bild des heiligen treibt sie in regelmäßigen abständen vor die tür. leer ist der tisch dann bis auf die angefangenen gläser. aber sie kommen wieder mit ihren fettigen haaren, ihrem schnauzer und der dreckigen montur. auch sie schauen ab und an hoch zum bild. ihr blick gilt mehr dem blondierten haar des christuskindes und sie fragen zugleich, warum es hier denn nur ober mit grauen pullundern und keine blonde bedienung gäbe. „ja, warum gibt es denn hier keine blonde bedienung im wollrock und mit schwarzen stiefeln bis zum knie? die haare hochgesteckt bis zur messingfassung der lampen. eine mit richtig titten und arsch, die uns den gulasch auf den tisch haut, dass es spritzt.“

am tisch in der mitte sitzt einer, der hat seine jacke nicht ausgezogen. ist das eine uniformjacke? vielleicht ein busfahrer, der nur morgens fährt. er trinkt rasch. ist der kellner fort, greift er in seine tasche zu einem brot und beißt verstohlen ab. er schaut nicht hoch. jetzt liest er zeitung, verkriecht sich im blatt und in sich selbst. die zeitung heißt „dnes“, also „heute“. heute ist auch so ein wort, das sich anfängt zu drehen und aufzulösen an diesem ort. das blatt wirbt auf der titelseite mit gutscheinen für rabatte und kommt weiter unten mit der schlagzeile, dass die dürre 24 milliarden an schäden gebracht hat. 24 milliarden tschechische kronen.

ja, es war ein endloser sommer, der sofort im mai begann, ganz ohne prager frühling, und jetzt im oktober langsam verklingt. es gab ein paar zaghafte gewitter, deren regen beim auftreffen auf den straßen sofort verdunstete. auf den äckern verbrannte das getreide, die schrebergärten lagen verdorrt an den bahngleisen des prager umlandes. die feldwege waren ausgeblichen und morsch wie hundert jahre altes leinen. gut, dass ich kein bauer bin, denkt der mann in der jacke. aber das mit dem scheißgeld trifft uns alle. scheißgeld, das überall fehlt, so dass es bei mir nur zum trinken reicht. und dann ruft er zum bild rüber: „lass mal ein paar taler regnen, scheiß doch mal geld in deinen buchpisspott, kleinerchen, scheißgeld sozusagen.“ er bleibt sitzen. er schaut wieder runter und liest. er hat eine familie, die er nur besoffen ertragen  kann. der ober bringt ein neues bier.

dieser raum ist ein bahnhofssaal ohne bahnhof. die uhr ist defekt. es verschwimmen jahreszahl und jahreszeit. heute ist gestern und vorgestern. es gibt die durchreisenden, wie wir, die hastig ihren hunger stillen und dann schnell wieder gehen und dann die, die tatsächlich hierher gehören. sie gehören zum inventar, wie die schwere mannshohe schwarze holzvertäfelung der wände, wie die einfachen stühle und wie das besteck, das hier noch ungezählt auf den tisch geworfen wird.

wir begleichen die rechnung bei einem kellner in grauem pullunder und gehen über den kleinen engen vorraum, in der sich um die theke etliche männer drängeln, zurück auf die straße.

oktober 2018

manifestopesto

wir werden uns endlich frei sprechen.

wir müssen über den rand, in den rauch, in das abwasser, in den lauf der flüsse sprechen. wir werden mit dem schmutzwasser von schuld und sühne, mit dem polarlicht, mit dem kohlestaub eingestürzter bergwerke eine reine zeichnung unnützer wege machen. wir finden eine falsche wegbeschreibung, ein labyrinth ohne eingang, einen plan, der mißlingt.

wir werden unruhig schlafen und träumen von katastrophen.

wir müssen die eingetrocknete stempelfarbe mit unserem speichel anrühren, wir müssen den farbton unserer haut in scheiben schneiden, wir müssen zellen bilden, wie sich zellen bilden, wir müssen immer gerade im kreis gehen.

wir werden mit dem fixierstahl ritzen, wir werden bleigießen bei gewitter, wir werden in die nacht zwei gedichte schreiben, eins für die mutter, eins für das kind.

wir müssen ein pesto aus gemahlenen erz machen, wir werden ein panazee gegen alle irdischen flüche erfinden, wir werden die auferstehung und die niederkunft suchen.

wir werden einen streit über das knie, über den arm, über den ast, vom zaun brechen. wir werden uns die zunge brechen, wir werden stumm und laut zugleich sein.

wir werden heimkehrer und auskehrer, laternenmann und trümmerfrau sein, wir werden mit den flüchtigen sein.

wir werden weiter an einer schrift der zeichen schreiben, die sich aus dem stillstehenden frühlicht des nächsten tages nährt.

 

mai 2017

wohnung

 

ich liege wach, auf dem alten sofa in einer küche in köln nippes, in wolldecke, oberhemd und socken. regelmäßig springt der heizboiler nach einem schnarrenden, die zündung ankündigenden geräusch an. heizt hoch, um wieder zu verstummen, wechselt sich aber mit dem tiefen o-ton des kühlschranks und dem mechanischen schlag der uhr ab, so dass stille immer nur in minuten ist. das dunkel draußen, hinterhofverhangen weicht dämmerungslangsam dem licht des dritten tages im neuen jahr.

du bist gegen sechs ins bett gegangen, in dem schon eine freundin schläft, die wir nicht erschrecken wollten mit männersocken, so blieb mir der küchenplatz, den ich mir mit einer katze teile.

fünf stunden radio, der sprecher war müde und zerfahren. jede stunde die ansage der zeit, die uns nicht betraf, waren wir doch außerhalb solcher rechnung.

die schönheit deines körpers hatte mich nicht nur anfangs unsicher gemacht. leise, mädchenhaft und klar, das helle deiner brüste und der ansatz deines haars im nacken. schenkelumschlungen küsste ich dich zwischen den beinen.

es waren die über die jahre immer verschobenen spaziergänge an flüssen, die uns die möglichkeit gegeben hätten uns endlich an den händen zu fassen. aber nun saßen wir in mänteln am rhein und ich las dir die worte eines schriftstellers vor, den das leben schon in den tod getragen hatte und dessen trauer unsere zärtlichkeit nur verstärkte.

ich dachte an peter und nilla und ihr gehen in stockholm am see mälaren, als wir dann umarmt nebeneinander herliefen. die erinnerung an ein paar, das ich nur vom foto kannte.

als ich von meinen gedanken an die baldige abreise sprach, sprachst du vom jetzt.

 

januar 2016

die umarmung

eine kleine drehtürumarmung wünschte ich mir jetzt mit dir, danach ein türrahmengedränge, ein aufreißen der kleidung an der türklinke und dann bau ich ein floß aus der ausgehängten tür und wir fahren nackt den rhein runter. unter uns die tür, über uns die nacht. augen und mundtüren weitgeöffnet, lassen wir die stadttüren, autotüren, kaufhaustüren hinter uns. fahren, bis wir eine der drei niederländischen türen zum meer passieren. am leuchtturm machen wir halt. klopfen an die tür. keiner da, die tür aber offen, die bude warm, essen auf dem tisch, das bett bezogen. ein türangelkuss, ein türweiter sprung, wir landen im bett. nachttürruhe.

mai 2016

traum einer freundin II

eine lange straße, die sie mit ihrer mutter entlang läuft. links und rechts des weges sieht man menschen, deren köpfe in der erde stecken, rumpf und beine liegen flach, leblos im dreck. ankunft an einer kreuzung, einem platz. dort stehen männer mit armgroßen büroklammern. sofort weiß sie, dass es diese klammern sind, die das genick der liegenden gebrochen haben.

sie läuft weiter, hinter ihr ihre mutter, die nicht folgen kann.

januar 2013

traum einer freundin III

das krankenlager einer todkranken frau. im früheren leben war sie soldatin im auftrag eines kommunistischen führers. der arzt hat sie entlassen, da ihr nicht mehr zu helfen ist.

die nichte sitzt an ihrem bett und hört den flachen atem. die tante ist ihr unendlich nah. sie liebt sie wie die eigene mutter. dann bemerkt sie, dass eine stelle des nachthemdes nass und blutig ist. sie hebt das hemd und sieht, dass ein inneres organ, die leber, aus dem körper drängt.

sie läuft los. im krankenhaus sagt der arzt, dass die sichtbare leber ein zeichen des baldigen ablebens ist. sie läuft und läuft, zurück.

januar 2013

© christian ulrich. 2019