im winter

 

immer im winter

kommen die männer im kahn

und schneiden die bäume

und laden das schiff voll mit ästen

und fahren davon

das ufer ist kahl und aufgeräumt

das auge geht weit

und ohne verluste

in den offenen raum zwischen den dingen

 

januar 2019

bremen

 

sonntag an der weser

weht am galgen ein hochzeitskranz

und eine ungeduldige braut

trägt ihre eierstöcke in den händen

wie ein gewächs aus schnee

das licht ist gelb

in der perspektive des platzes

säugt eine frau mit vier brüsten

die sonnenpuppe des vormittags

die satt und golden zwischen ihren beinen liegt

im fluss treibt in einer leeren flasche

ein mädchen vorbei

die leute stehen am kai

als wäre etwas passiert

sie fühlen sich zu haus in der vergangenheit

ratlos sind sie wie ihre vorfahren

aus stanniol gestanzt

und hängen sich gegenseitig auf

an ihrem lieblingsbaum

 

februar 2019

wer spricht

 

wer spricht mir den text ins ohr

wenn ich nicht mehr weiter weiß

wer richtet die sätze zu fallschnüren

über die mein schweigen fällt

wer wird mir den mund öffnen

und mir die stumpfen zähne spitz feilen

wer wird mir die zunge verbrennen

mit grauem asphalt

wer wird mir zuhören

wenn ich würge am wort

wer wird mir seine stimme leihen

am ende der zeile

für den beginn eines tages

 

januar 2017

die platanen häuten sich

in der mitte des sommers

auf die straße fallen reste alter rinde

um zertreten zu braunem feinen staub

in die ecken der häuser zu wehen

juli 2018

der rote mond

 

nachts ruft ein

roter mond

und der mars war uns nahe wie nie

tags sitze ich

bis zum hals im wasser

die paar wolken sind dunkler

im spiegel des sees

und laufen als ein band

von kuriosen krüppeln

über das blau des himmels

 

august 2018

anderswo

 

die bäume sind ein gespiegelter scherenschnitt

im wasser eines flusses,

dessen namen ich nicht verraten kann,

weil ich mich sonst festlege auf einen ort,

den es so nur im gedächtnis anderer gibt.

 

der himmel hier in dieser stadt -

blassblau und leer wie altes schreibpapier.

man könnte ganze stundenbücher der beichte

mit ihm füllen,

wenn man den glauben hätte.

 

und dort an der wand schaut meine mutter

von einem plakat herunter, eine frau ohne kopf.

und ich erinnere mich,

dass ich früher auf ihrem arm saß,

während sie ins haushaltsbuch rote zahlen schrieb.

 

die wohnung haben wir nur eine nacht,

doch staube ich vor dem gehen den läufer aus.

der mann im souterrain schaut aus dem fenster

schon ganz grau vom dreck, der von oben kommt,

wie der kalte regen und der kot von tauben.

oktober 2018

ich höre lieber denen zu,

die schweigen.

 

oktober 2018

man muss

 

man muss die tage abgehen

wie einen tatort

und einsammeln

was an spuren zu finden ist

das hellweiße gipslicht, die schattenuhr,

die lehmfrau

wir bewegen uns im sprühregen

auf landzungen und schlackengestein

und wohnen nicht unter einem dach

eine feuertreppe außen

hoher punkt nah dem kirchturm

ist der platz für ein versprechen

eine siedlung am deich

sucht das hohe ufer, keine

verluste und der hochzeitszug dreier generationen

zieht bald zum friedhof

nebenan

 

august 2017

heymgehen

 

holt dich der totenvogel

vom eis hinunter läuft

auf kreuzen wie du

auf messers schneide

keine bilderfahrt mehr leerer

waggons wolfs burg sog

kalter gedanken

abbrechender grat

vor dem loch niemandsloch

schwarzloch

endgültige heimat

regungsloses verschwimmen

heymgehen

untergehen

dezember 2017

keine haltbarkeit der formen

kein aberglaube

kein schicksal

keine fügung

kein heil

nur eine straße als eine sackgasse

an deren ende sich der tod ein schönes haus gebaut hat

 

mai 2017

glückliche tage und andere stücke

 

der husten in zimmern,

das atmen der leiber im schlaf

es liegen männer und frauen

nebeneinander und die schräge des bodens

bestimmt den neigungswinkel des traumes

versteckt die hoffnung auf wiederkehr nicht

nur letztlich das wissen um die verpasste ankunft

wer wird der erste sein

über uns das schwere dach von st. johannis

wer wird der letzte sein

unter uns der lehmfeuchte grund eines flusses

passagen des freigangs, träume voll licht,

fachwerk alter gedanken, deren

stützbalken schwimmt

ruhelos harren wir

in unserem gewicht aus muskulatur und skelett

die kühe brauchen kein au pair

 

april 2016

dein auge (für a.)

 

die verwandlung deines auges geschieht allmählich

der kopf auf dem kissen,

dein auge senkrecht zum horizont gestellt

eine feder, die der bussard im flug über dem feld verlor

ein bussardfedernauge

ein braun - das herbstlaub am elbufer

die farbe von rost - die haut alter schiffe

ein ägyptisches königsauge

ein sog im fluss – graugrün

ein polarauge über dem fjord

der spiegelglanz uralter gläser

und das pigment italienischer erde

es bleibt norden und süden in dir

als rätsel, kein widerspruch

 

august 2016

die wohnung

 

kling, klang, schrille, sitzt ein mann im kellerloch,

bis zur brust in der erde

und schaut aus dem fenster auf dürers grasland.

die perspektive einer maus,

sternzeichen unserer begegnungen

im großstadtdreck und an schmierigen haltestellen.

-heile welt- rufen einsame tänzer - heile welt-

kappadokien und asphären und

das geweih eines widders.

kling, klang, schrille rufen die kinder

herüber aus ihren mülltütentipis

hinter dem zaun

und schleifen einen eisbären durch den dreck des schulhofs.

 

juli 2016

waage-haus

 

in den boden geschnitten

ein viereck

in den scheiben der himmel

ein haus für die waage

das dach, die wände und das fenster

eine tür

 

steine am bein

vogelfedern in den händen

 

ich knote die kabel unter der erde

ich trage mein gewicht

auf die platte aus stein

ich öffne die tür

ich lese das maß und trage es ein

 

november 2014

© christian ulrich. 2019